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        Wer ständig mit einem Auge auf das Ziel schielt hat nur ein Auge , um auf den Weg zu achten.

Wandlung

„Das einzig Beständige ist der Wandel." Diese häufig zitierte chinesische Weisheit ist Kern unserer Übungen beim Chi Gong und Tai Chi Chuan. Das Zitat besagt nur, dass sich alles ständig wandelt, wir jedoch haben Wünsche an diesen Wandel, Erwartungen, Hoffnungen. Wir wollen für uns, unsere Gesundheit, unseren Alltag, unsere Verhaltenszwänge, unsere Probleme… eine Veränderung. Oft denken wir „ES soll anders werden" - und meinen besser.

Gerne verweisen wir auf äußere Umstände, die Gesellschaft, die Eltern, die Familie, den Job, die Gene und andere Formen des Außen. Das entlastet uns, weil es die Verantwortung von uns auf Andere(s) delegiert, gleichzeitig macht es uns ohnmächtig, weil wir uns selbst als Spielball dieser Kräfte bestimmen. Angst, Unzufriedenheit, Verzweiflung, körperliche Erkrankungen und Ähnliches können die Folge sein. Sicher gestaltet die Umwelt ganz wesentlich unser Dasein. Doch bedeutet Menschsein auch die Fähigkeit in hohem Maße die Umwelt zu gestalten und sich darin zu positionieren. Wir haben entscheidend (durch Entscheidungen) dazu beigetragen, dass wir so und hier sind.

Für viele von uns ist die Aufnahme des Übens von Tai Chi und Chi Gong Ausdruck eines Wunsches nach Veränderung zum Besseren. Tai Chi und Chi Gong Übungen setzen jedoch nicht bei diesem ES an.

Wir beginnen neu bei uns selbst. Dies ist der einzige Ort auf dessen Wandel wir einen erheblichen Einfluss haben. Dies bezeichne ich gerne als Ver- Wandlung. Die Übungen, die ich hierzu lehre und selber übe sind einfach. Sie im Alltag umzusetzen und Beständigkeit erreichen ist jedoch schwierig. Es gibt ein Tor zu diesem Weg. Über diesem Tor steht wie in den chinesischen Toren üblich ein kleiner Spruch: Für das Tai Chi Chuan heißt er: Übe achtsam, heiter, regelmäßig und dauerhaft.

Das ist das Kernstück vieler Weisheitslehren. Solche mit anderen Versprechen könnt ihr getrost vergessen, sie arbeiten nach dem Prinzip der Fernsehwerbung: Alle Sehn-Süchte bedienen - du brauchst nur zu konsumieren.

Achtsam bedeutet, auf den eigenen Körper lauschen, ohne Ergebnisse zu erzwingen, ohne Üben zur Routine zu machen, ohne zwischen gut und schlecht zu bewerten, ohne ständigen Vergleich mit Anderen (s. Zitat über dem Text)…

Heiter weist darauf hin, dass Üben im freien, heiteren Geist hilft, Tai Chi und Chi Gong zu mehr als zu einem weiteren Termin, zu einem neuen Druck in unserem Leben werden zu lassen. Kein schlechtes Gewissen, wenn ich nicht oder oder nicht genug geübt habe! Nur Freude im jetzigen Üben, an der Erkundung dieses Augenblicks aus meiner Mitte und aus mir als Mitte heraus. Freude zulassen und (mit-)teilen.

Regelmäßige Übungszeiten machen uns unabhängig von momentanem Erfolg oder Misserfolg, von hektischen Tagesansprüchen oder wechselnden Lebenssituationen.

Dauerhaftigkeit weist auf die uns allen wohl bekannte großen Schwierigkeiten hin, verfestigte Strukturen, Gewohnheiten, Haltungen, Abhängigkeiten, Verhaltensmuster, die zur Belastung geworden sind loszulassen. Sie begleiten uns meist schon Jahre oder gar Jahrzehnte, waren oft nützlich und haben sich irgendwann verselbständigt. Nun bestimmen sie unser Leben in erheblichem Maße und entziehen sich unserem Einfluss. Einst haben sie uns gedient, nun sind wir von ihnen abhängig. Dauerhaftigkeit ist auch die einzige Medizin gegen die immer wiederkehrenden, schmerzhaften Rückfälle. Wir verlieren die Haltung, werden starr vor Anspannung, uns geht die Luft aus… „Jeden Tag ein Blatt auf einen Stapel legen" umschreiben die Chinesen diese Dauerhaftigkeit.

Regelmäßiges, achtsames, heiteres Üben ist die einzige Möglichkeit diese Blockaden, Lebenshindernisse und negativen Energien nach und nach abzubauen. Das Wie des Übens ist hier meist wichtiger als die Übung.

Deshalb widme ich meinen Artikel diesem Wie. Daraus erst folgt und erfolgt alles weitere.

Für deine Praxis ist das Einüben und die Durchführung der Vorbereitenden Übungen von allergrößter Bedeutung.

Entspannung. Entspanne dich so gut es heute geht.. (Reihenfolge: Stirn, Augen Mund, Schultern, Armgelenke, Brust, Bauch, Lendenwirbelsäule, Beingelenke, Fußsohle) Loslassen

Haltung. Richte deinen Körper im Sitzen, Stehen oder in der Bewegung so gut es heute geht mühelos auf. (Aufrichtung zum Himmel und Aufrichtigkeit als Geist als innere Haltung der Übungen/des Lebens werden gelassen angestrebt, keinesfalls erzwungen). Erde deinen Sitz/Stand, deine Bewegung erspüre für die Teile deines Körpers und den ganzen Körper ein zentriertes Gleichgewicht. Aufrichtigkeit.

Atem. Beruhige deinen Atem (ruhig, langsam, gleichmäßig, ohne Anstrengung bis in den Bauch). Beobachte und lass den Atem von selbst seinen Rhythmus finden. Vertrauen.

Blick. Die Augen sind offen, die Lider aber gesenkt. Der Blick ist indirekt, gleichermaßen nach Innen wie nach Außen, an nichts haftend. Akzeptanz.

Lächeln, liebevoll, tief aus dir und deinem Herzen heraus ist der Herzgeist (xin) der gesamten Übung. Lerne es zuzulassen und bewahre es für den ganzen Tag. Das ist kein Können, das ist ein Geschenk, zuallererst an dich selbst, dann erst an andere! Dein Üben kann es wie eine Einladung hervorlocken und wachsen lassen. Zulassen.

Bewegung, entwickelt sich angemessen zu deinem Körper, deinen Bedürfnissen, Einstellungen und grundlegenden Funktionen „nicht zu viel, nicht zu wenig". Angemessenheit.

Anfänger wie Fortgeschrittene widmen diesen Vorbereitenden Übungen Zeit, Hingabe und geduldige Achtsamkeit. Die Ruhe und Heiterkeit aus diesen Übungen werden deine Ver-Wandlung begleiten und dich bei den Übungen des Tai Chi Chuan und Chi Gong führen. Der innere Meister ist schon zuhause.

Dieser Vorgang ist dem Aufziehen eines Baumes sehr ähnlich. Zuerst setzt man ein Samenkorn in Erde, das man sorgfaltig ausgesucht hat, man gießt und hegt, nicht zuviel und nicht zuwenig. In dieser Phase übt man, ohne dass viel zu sehen (bemerken) ist. Eines Tages wird unsere Geduld belohnt. Unsere Pflege und die Energie von Erde und Sonne helfen einem kleinen Keimling aus dem Boden ans Licht. Jetzt sind Übende voller Freude und achten darauf nicht zuviel zu tun, sondern lassen dem Keim seinen Rhythmus, behutsam helfen wo nötig. Das Pflänzchen ist zart. Unsere Gelassenheit und Achtsamkeit helfen ihm beim Überleben. Für die Umgebung ist das Neue ein besonders leckerer Happen. Einige werden sich mit dem Übenden freuen, andere werden sich mit Hunger (Ironie, Drohung, Lustigmachen..) auf diese zarten Veränderungen stürzen. In dieser Phase ist es besser sich an diesem Keimling zu erfreuen, als viel darüber zu sprechen. Von denen, die diesen Rat nicht beherzigen (können), habe ich viele bald aufgeben sehen.

Schließlich zeigt sich eine kräftiger werdende Pflanze. Man kann Wuchs und Art ahnen. Sie wird auch von der Umgebung deutlich wahrgenommen. Wenn sie nicht nur nach Außen gewachsen ist, sondern (durch Üben der Grundlagen, Ausrichtung an Prinzipien und Beharrlichkeit) auch nach unten verwurzelt ist, ist das nicht mehr so bedrohlich. Trotzdem ist Achtung vor großen Tieren (komplexen Situationen, alten Ansprüchen, mächtigen Sozialpartnern…) angeraten. Einfache Um-welten sind nun gut geeignet für die Anwendung und Übertragung der Übungen im Alltag.

Nach einer Phase fast täglich wahrnehmbarer Veränderung, beginnt nun eine schwierige Zeit. Die Bedrohung kommt nicht mehr so sehr von Außen, denn die Umgebung hat sich daran gewöhnt. Wir spüren die inneren Veränderungen nicht mehr, weil sie in Intensität und Schnelligkeit anders sind als beim Keimen. Unseren hohen Erwartungen können zu einem Gefühl von Stagnation und zu resignativen Einstellungen führen. Wir blicken hoch zu den „großen" Bäumen (Zielen/Meistern) und fühlen nicht unser Wachsen, sondern nur unsere Winzigkeit. Menschen, die mit zeitlichem Abstand zu uns kommen, bemerken dagegen das Wachsen der Pflanze zum Baum jetzt viel besser als wir oder unsere unmittelbare Umgebung.

Letztere und unsere „inneren Fertigmacher" warten eher mit „Stärkungen" auf, wie , „ich hab doch gleich gesagt, man kann nichts ändern…nicht aus sich heraus - wachsen". Hier braucht jeder die unterstützende Kraft der Gruppe und der Meister. Das sind die Mitbäumchen und die Gärtner, das sind in einer Baumschule selber Bäume. Wer durch diese Phase mit Beharrlichkeit (Lebenskraft) pflegt, ist auf dem Weg zu Beständigkeit. Das heißt die Prinzipien durch Üben aneignen, verinnerlichen und dass unser Leben mehr und mehr Ausdruck der Prinzipen wird.

„Auch der Meister wackelt". Es bleibt auch nach vielen Jahren ein tägliches Neubeginnen mit Achtsamkeit, heiterer Gelassenheit, Akzeptanz. Lernen und Lehren verschmelzen, richtig und falsch verschwinden .- Wir sind auf dem Weg.

Detlef Klossow